
Deutsche Banken gerade erst im „Auge des Hurrikans“
24.08.2009 - München/Frankfurt. Die Zukunft der Bankenbranche in Deutschland sieht nach wie vor düster aus. Die wirkliche Krise mit großflächigen Kreditausfällen und operativen Ergebnisrückgängen im Privat- und Firmenkundengeschäft bricht erst 2010 über die Institute herein. Das ist das ernüchternde Ergebnis der aktuellen Studie von Bain & Company zur Zukunft der Bankenbranche in Europa, die exklusiv heute in der Wirtschaftswoche erscheint.
Die Strategieberatung Bain & Company hat nach 2008 zum zweiten Mal die Lage in der deutschen und nun auch der europäischen Bankenlandschaft untersucht – mit besonderem Schwerpunkt auf dem Privat- und Firmenkundengeschäft. Das ernüchternde Ergebnis: Die Banken befinden sich derzeit gerade erst im windstillen „Auge des Hurrikans“, bevor das operative Geschäft im nächsten Jahr unter Druck geraten wird.
Bain & Company beziffert in der exklusiven Studie für die Wirtschaftswoche die zu erwartende Abschreibungssumme der europäischen Banken auf insgesamt 550 Milliarden Euro, davon zwei Drittel aus Krediten. Gut die Hälfte steht bisher noch in den Büchern der Institute. Eine zweite Abschreibungswelle auf Wertpapierbestände in Milliardenhöhe steht damit noch bevor. Und die wirkliche Krise mit großflächigen Kreditausfällen sowohl im Privat- als auch im Firmenkundengeschäft sehen die Experten von Bain erst im Jahr 2010 auf die Banken zukommen. „Wir sehen bis 2010 weltweit keine Erholung im Bankensektor und rechnen damit, dass erst 2013 wieder das Niveau von 2007 erreicht werden wird, und das einzig getragen durch das Wachstum in Südamerika und China“, erläutert Bankenexperte und studienverantwortlicher Partner bei Bain & Company, Dr. Stefan Frank.
Laut Bain-Studie werden die Auswirkungen der Rezession in Deutschland auf Arbeitsmarkt und Unternehmensinsolvenzen erst mit Ende des dritten Quartals 2009 sichtbar werden und sich dann bis weit ins Jahr 2010 hinein auf die Bankbilanzen übertragen. Trotz dieses Szenarios möchte Bankfachmann Dr. Stefan Frank nicht von einer Kreditklemme sprechen: „Wir kommen aus einer mehrjährigen Phase, in der die Wirtschaft mit billigem Geld überversorgt wurde. Was jetzt passiert, ist schlicht weg die schmerzhafte Normalisierung des Marktes.“
Von den Wertkorrekturen an den Kredit- und Kapitalmärkten werden laut Bain insbesondere die Universalbanken mit mittelständischem Firmenkundengeschäft sowie Vermögensverwalter und Privatbanken hart getroffen. Langfristig führt die Krise zu einem andauernden staatlichen Engagement im Bankensektor und damit zu mehr staatlicher Mitbestimmung. „Das hat Konsequenzen für die Geschäftsmodelle der Institute, denn vor allem Hypotheken, Kreditkarten und Wertpapiergeschäft werden in Zukunft stärker reguliert werden, ebenso die Verbriefungsmärkte“, sagt Dr. Frank.
Anspruchsvolleres Privatkundengeschäft
Die Ansprüche der Kunden sind im Privatkundengeschäft durch ein höheres Bewusstsein für Risiken und Ertragschancen teilweise deutlich gestiegen und erhöhen den Beratungsbedarf bei gleichzeitigem mittelfristigem Druck auf die Marge. Der Kampf um den Kunden wird zusätzlich durch die regulatorischen Veränderungen im Privatkundengeschäft und die zunehmende Bedeutung von Einlagen für die Refinanzierung eine neue Qualität bekommen. Gerade die strengeren Richtlinien hinsichtlich Dokumentationspflichten für die Finanzinstitute bei Wertpapiergeschäften werden zum Kostentreiber Nummer eins. In der Folge müssen sich die Geldinstitute stärker auf bestimmte Produktangebote, wie zum Beispiel ein vereinfachtes Zertifikateangebot, fokussieren. „Investieren werden die Banken vor allem im Vertrieb, bei gleichzeitig disziplinierterem Kostenmanagement“, prognostiziert Dr. Stefan Frank.
Mehr Wettbewerb im Firmenkundengeschäft
Firmenkunden – so die Ergebnisse der Bain-Studie – werden in Zukunft vor allem mehr Transparenz hinsichtlich des Einsatzes von Derivaten und Anlageprodukten von ihrem Geldhaus verlangen. Mittelfristig geht Bain von einer Stabilisierung der Margen auf einem höheren Niveau aus als vor der Krise. Die strukturelle Profitabilität dürfte sich in Deutschland damit dem europäischen Niveau ein Stück annähern. Laut Bain-Studie bleibt abzuwarten, wie tragfähig die derzeit von vielen Instituten diskutierte Rückbesinnung auf das Mittelstandsgeschäft sein wird. Bain-Experte Dr. Frank dazu: „Der Wettbewerb um die mittelständischen Firmenkunden wird sicher härter als viele Institute heute annehmen“. Die zukünftig geforderten höheren Kapitalunterlegungen von Krediten werden die Ertragsmöglichkeiten der Banken weiter einschränken. Verlieren werden in jedem Fall ausländische Institute, die in der Vergangenheit vor allem durch aggressive Preisgestaltung und mit einem hohen Verschuldungsgrad auf dem deutschen Markt Fuß fassen wollten.
Es wird auch Gewinner geben
“In jedem Fall werden Direktbanken und unabhängige Vermögensverwalter im gehobenen Kundensegment als Gewinner aus der Krise hervorgehen“, schätzt Bain-Studienleiter Dr. Frank die Entwicklung im Privatkundengeschäft ein. Banken mit einem starken Privatkundengeschäft, die wenig toxische Papiere in ihrem Bestand haben, können die bevorstehenden Kreditausfällen und Abschreibungen demnach besser verdauen. Verlieren werden in dem Sektor vor allem die Banken, die den entstandenen Vertrauensverlust nicht ausreichend kompensieren können. „Interessant werden hier die bisher sehr unterschiedlichen Entwicklungen von UBS und Deutscher Bank in Deutschland sein“, so Dr. Frank.
Die Bain-Studie sieht im Firmenkundengeschäft die Gewinner unter denjenigen Instituten, die weiterhin eine hohe Kreditvergabefähigkeit und möglichst keine Staatsbeteiligung haben. Einzelne Sparkassen und Volksbanken könnten so im unteren Mittelstand Marktanteile gewinnen.
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